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GSDS: Zoo ist Krieg (Broken Promises)

Die Sonne brennt am Himmel und treibt mir kleine Schweißperlen auf die Stirn. Meine Augen sind zusammengekniffen, überall viel zu viel Licht. Die Luft steht, im Hintergrund höre ich schreiende Kinder und Eltern die ihre schreienden Kinder anschreien oder hinterher schreien oder vielleicht gar nicht wissen, warum sie jetzt eigentlich mit ihren Kindern schreien – es aber trotzdem tun. Verzweifelt drücke ich mich an meine Freundin, in all der Hitze, und versuche den nackten, stinkenden Babyfüßen zu entkommen. Welche die ganze Zeit meinen Arm berühren, weil sich die Mutter, unverschämter Weise, ungefragt in die nicht vorhandene Lücke gezwängt hat.
Meine Damen und Herren, Zoo ist Krieg. Zumindest für ein unverheiratetes Paar ohne Kinder.

Doch beginnen wir am Anfang der Geschichte: Meine Freundin und ich hatten in letzter Zeit sehr viel zu tun und verloren dadurch unseren Sonntag. Normalerweise gehört dieser Tag uns, sie muss zwar auch an diesem Tag arbeiten, jedoch nur vier Stunden – somit bleibt noch ein gediegener Nachmittag zum gemeinsamen Nichtstun übrig. Ich fahre dann nachmittags immer zu ihr und wir gehen mit ihrem Hund Gassi. Danach fahren wir zu mir und kochen, um es uns anschließend vor dem Fernseher gemütlich zu machen.
Das hört sich jetzt nicht sehr aufregend an, ist aber ein wichtiger Teil unserer Beziehung. Aushilfsjobs und Hobbys machen es uns unter der Woche meist unmöglich einen Tag zu verbummeln.
Unser Sonntags-Defizit wollten wir mit einem ganz besonderen Sonntag wettmachen.

Geplant war nach Heidelberg zu fahren und es sich dort am Neckarufer bequem zu machen.
Wie es aber so oft ist, bildete ich mir ein irgendetwas machen zu müssen. Einfach nur unter den Bäumen liegen und den Wolken beim vorbeiziehen zugucken ist doch zu langweilig …
Also überlegten wir uns den Heidelberger-Zoo zu besuchen. Mir erschien das als ausgezeichnete Idee. Immerhin war ich seit meinen Kindertagen nicht mehr in einen Zoo gegangen und die Dokumentationen auf ZDF, ARD und NDR schaue ich mir immer wieder gerne an…
Doch schon der Weg in den Zoo war ein Erlebnis für sich. Zum einen, weil sonntags keiner mehr imstande ist ein Auto zu fahren, sobald die Sonne herauskommt. Zum anderen weil, »die Sonne herauskommt« maßlos untertrieben ist. Es war heiß â€“ viel zu heiß.
Mir passiert es öfter dass ich, bevor ich das Haus verlasse, keinen Blick aus dem Fenster werfe. Einfach deshalb, weil mein Rollo meist unten ist – was aus reinem Selbstschutz geschieht, denn mein Zimmer liegt auf der Sonnenseite. Ansonsten würde ich einfach wegschmelzen und dieses Blog wäre ziemlich leer.
Mir reicht der Blick auf das Rollo jedoch meist aus. Ich ziehe mich einfach an wie am Vortag – wäge ab, ob es mir am Vortag zu warm oder zu kalt war und achte ein wenig auf das Gesamtklima. Das passt dann schon irgendwie.
An diesem Tag allerdings nicht. Die Tage zuvor war es eher kühl, ich trug Pullover und Jeans. Jetzt verriet mir mein Blick auf das Rollo, dass die Sonne schien. Ich dachte also: »Mild und sonnig« und zog Jeans und Hemd an – die Ärmel hochgekrempelt, was sich als Fehler erwies.

Ohne Unfälle mit Todesfolge auf der A5 in Richtung Heidelberg angekommen, tuckern wir endlich Richtung Zoo. Mit genau 120 Kilometern pro Stunde. Schneller kann ich nicht fahren. Zum einen, weil der Liter Super 1,40 Euro kostet. Zum anderen, weil mein VW Polo keine Klimaanlage besitzt und wir die Fenster heruntergekurbeln mussten. Drei Dinge hatten sich durch die offenen Fenster auf der Autobahn schlagartig erledigt: ein Gespräch, Musik und die Frisur meiner Freundin.
In Heidelberg angekommen folgen wir den Anweisungen der zooeigenen Homepage »Folgen Sie der Ausschilderung« – ich komme mir verarscht vor. Ist das eigentlich Absicht, dass die Schilder, die man benötigt immer versteckt sind und nur hier und da mal auftauchen? Und wenn wir schon beim Thema sind, warum um Himmels willen, schildert man den Zoo erst 20 Meter vor einer vierspurigen Ampel aus?
Drei Heul- und zwei Schreikrämpfe später erreichen wir dann den Zooparkplatz. Nein halt, einen der beiden Zooparkplätze. Auf dem Schild steht der linke sei voll, also biege ich rechts ab und erblicke einen leeren Parkplatz, einen Sportplatz und ein Schwimmbad – keinen Zoo. Ich fahre stur geradeaus weiter und warte auf ein Schild. Am Ende angekommen, finde ich nichts vor außer einem Schäferhundevereinsheim. Mir schießt kurz der Gedanke durch den Kopf, dass es in einem Schäferhundevereinsheim bestimmt kühles Bier gibt und wische mir den Schweiß von der Stirn. Ich hätte in diesem Moment wirklich nichts gegen ein kühles Bier einzuwenden gehabt. Musste dann aber daran denken, dass ein Schäferhundevereinsheim genau die Art von Ort ist, an dem ich kein Bier trinken will – jedenfalls nicht bevor ich Rentner bin.
Ich drehe also um und fahre in Richtung des vollen Parkplatzes und ergattere einen Parkplatz auf dem ich näher am Haupteingang stehe, als der Zoodirektor himself. Oder vielleicht genau so nahe, vielleicht sogar auf seinem Parkplatz? Sicherheitshalber laufe ich umher und betrachte mir die anderen Autos. Weil ich keine Mitarbeiterausweise in den Frontscheiben liegen sehe und auf meinem Parkplatz auch nicht »Hauptattraktion der Raubtierfütterung« oder »Zoodirektor« steht, laufen wir in Richtung Haupteingang. Den Gedanken, dass ich falsch parke werde ich trotzdem nicht los.

Nachdem wir dem unfreundlichen Drachen hinter dem Tresen 10€ Eintritt ins gierige Maul geschmissen haben, betreten wir endlich den Zoo. Angekommen: ausatmen, einatmen, entspannen. Als meine Freundin sich zu dem Drachen zurückwagt um sich nach einem Plan zu erkundigen, erspähe ich einen Eisstand. Für Sekunden schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich eine Runde Eis springen lassen sollte, sehe dann aber dass ein Eis’chen in Miniaturform zwei Euro kostet, überschlage kurz und verwerfe den Gedanken wieder. Mein Geiz ist grenzenlos.
Doch nicht nur mein Geiz kennt keine Grenzen, sondern auch mein Bedürfnis unterhalten zu werden. Also laufen wir – nein wir gehen nicht, wir laufen – schnurstracks zu den Robben. Robben sind witzig, geschickt und in fünfzehn Minuten werden sie sogar Ringe fangen, mit Bällen jonglieren und Fisch fressen. Nichts wie hin!

Und hier befinden wir uns wieder am Anfang meiner Geschichte. Wir stehen am Rand des Robbengeheges und warten darauf, dass endlich die Fütterung beginnt – genauso wie die Robben. Es ist heiß, laut, hell und überall um einen herum sind Familien mit kleinen Babys und egal was man versucht, man hat, im Kampf um den besten Platz, keine Chance gegen sie anzukommen.
Schwangere, oder einfach nur dicke, Frauen mit Spucke ihrer Kinder auf der Bluse. Mit Eis verschmierte Kinder und Väter mit leerer Brieftasche sind Zooalltag – um den Rest der Gesellschaft macht sich niemand auch nur einen Gedanken.
Zumindest gelangt man zu dem Eindruck, wenn man sieht wie rücksichtslos Familien vorgehen.

Die Robbenfütterung ist eine der Hauptattraktionen und Sonntag ist der Besuchstag. Gerade deshalb ist es klar früh zu erscheinen, wenn man etwas sehen will. Oder nicht? MIR ist das jedenfalls klar und deshalb bin auch ICH der Dumme, der sich vorher informiert und plant. Damit ich mir dann 15 Minuten vor Beginn der Show die Beine in den Bauch stehen kann. Nur weil ich darauf warte, putzige Tierchen mit Bällen jonglieren zu sehen und sich erzählen zu lassen, dass genau dies artgerechte Haltung sei.
Familien machen das anders. Die warten bis die Vorstellung anfängt und suchen sich dann einfach Menschen wie mich und meine Freundin aus, ohne Kinder, um sie mit vorwurfsvollen Blicken zu bombardieren. Das ist Phase 1 der Attacke. Jetzt dauert es nicht mehr lange, bis Phase 2 anläuft. Hier laufen sie mit ihrem Kind auf dem Arm zu einem und fragen »Entschuldigung, dürfen wir vor?«. Jedenfalls fragen sie wenn man Glück hat.
Am Anfang dachte ich mir noch, »Was soll’s, bleib locker. Du bist 1,82m groß, du kannst ja wohl ein paar Kinder vor dich lassen und trotzdem noch was von der Fütterung sehen.«. Doch kaum hatten wir unseren kleinen Finger gegeben kamen sie von überall her. Vorbei mit dem hart erstandenen Platz in der ersten Reihe. Dutzende Kinder mit klebrigen Fingern und eisbeschmierten Mäulern. Laute Gören die auf meinen sündhaft teuren Schuhen herumtrampeln und sich nicht einmal dafür entschuldigen. Unerzogenes Pack!
Unseren Platz waren wir los. Auf jedem ab jetzt geschossenen Foto befindet sich in den unteren Ecken ein Kinderkopf …
Die Krönung sind aber die Eltern. Das sind doch eigentlich die Schuldigen. Vertrödeln ihre Zeit, weil sie überall ihre Familienermäßigungen einlösen müssen und kommen dann zu spät zur Fütterung, um sich dort unseren Platz zu erschummeln. Da wird das Baby schnell als Waffe eingesetzt!

Ein Tipp wenn Sie, wie ich, keinen Wert auf die Sabber fremder Babys legen: Machen Sie jeder Mutter Platz die einen Säugling auf dem Arm trägt. Wenn Sie das nicht tun, wird sie schamlos von jeder ekligen Funktion des Babys Gebrauch machen. Angefangen beim Schreien, über nackte Babyfüße die Sie berühren, bis hin zur vollgeschissenen Windel.
Während Sie sich, während Ihrer Ganzkörperdesinfektion, dann darüber aufregen, wie rücksichtslos Familien sein können, werden Sie ganz schnell merken: Das interessiert keine Sau. Sie stehen völlig alleine da!

Da hilft nur noch eines: Flucht. Das taten wir dann auch nach der Hälfte der Vorstellung. Doch auch wenn man sich auf scheinbar sicherem Boden bewegt, sollte man immer ein Auge auf zur Pistole gefaltete Hände oder Kinderwägen werfen. Wenn man im Krieg ist, kann jeder Schritt der letzte sein.

Trackback | Autor: flash| Tags:

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10 Antworten to “GSDS: Zoo ist Krieg (Broken Promises)”

Trackbacks & Pingbacks

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  3. Gestern in der Bahn
  1. steuertusse sagt:

    super text!

  2. schlawinski sagt:

    köstlich.
    mein tipp: fahr zur ostsee! da gibts möwen, die klauen den babies zur belustigung der singlepärchen die schnuller. heidenspaß :-)

  3. conhead sagt:

    Möwen die Schnuller klauen? Ausgeburten der Hölle :D

  4. Teddykrieger sagt:

    Hmmm… ich habe zwar gute Erinnerung an meinen letzten Zoobesuch, aber wenn ich das so lese… Klasse geschrieben!

  5. hans sagt:

    gefällt mir sehr gut… .-)

  6. Dandu sagt:

    yes…hat was :-)

  7. Lady Alanna sagt:

    Herrlich, der Text. Wenn ich mich recht entsinne haben meine Eltern genau dieselben Waffen eingesetzt :)

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